Judith Bernstein

Ich wehre mich dagegen, dass das Schicksal meiner Großeltern zum Kampf gegen die Palästinenser herhalten muss.

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Judith Bernstein wurde 1945 in Jerusalem geboren und wuchs in der deutsch-jüdischen Gemeinschaft der Jeckes auf. Ihre Großeltern wurden in Auschwitz ermordet, ihre Eltern flohen vor den Nationalsozialisten nach Palästina. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich in Deutschland für einen jüdisch-palästinensischen Dialog. Im Gespräch berichtet sie über ihre Biografie, ihre politische Haltung und darüber, warum sie sich dagegen wehrt, dass das Schicksal ihrer Familie für aktuelle Konflikte instrumentalisiert wird.

Leseprobe

Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.

Judith Bernstein: Ja. – Und ich wehr mich auch dagegen, dass das Schicksal, zum Beispiel meiner Großeltern, jetzt zum Kampf gegen die Palästinenser herhalten muss. – Also ich glaube, dass meine Großeltern, sie haben ja kein Grab, aber wenn sie ein Grab gehabt hätten, hätten sie sich in ihrem Grab umgedreht! Wenn sie gewusst hätten, dass ihr Schicksal als Vorwand für diesen schrecklichen Kampf gegen die Palästinenser benutzt wird.

HMV: Du meinst, sie würden auf deiner Seite stehen?

Judith Bernstein: Ja! – Glaube ich schon. … Also, das finde ich auch unverschämt von deutscher Seite, dass diese schreckliche Geschichte dafür benutzt wird. Ich meine, Israel macht das ständig, Netanjahu benutzt ständig die deutsche Geschichte, um gegen Israel-Kritik zu argumentieren.

HMV: Also was mich wirklich entsetzt ist diese Delegitimierung israelkritischer, also linksliberaler Juden, die Kritik an Netanjahu und an der Politik dieser Regierung, dieser israelischen Regierung, üben, vonseiten deutscher Regierungsmitglieder. Das ist für mich so unglaublich, weil eigentlich seid ihr diejenigen, die die demokratische Tradition repräsentieren, in Israel oder als Israelis. Und dafür werdet ihr auch noch sozusagen an den Pranger gestellt, als anti-israelisch, obwohl ihr eigentlich die demokratischen Israelis seid, und nicht die Orthodoxen, die sich auf 5000 Jahre alte Landbesitznahmeaufträge eines Gottes beziehen.

Judith Bernstein: Ja, und ich muss auch sagen, ich kann das nicht nachvollziehen, wenn Herr Schuster oder Frau Knobloch jedes Mal mit dem Antisemitismusvorwurf kommen, weil ich glaube, damit schaden sie. Und im Grunde genommen, ich kann es auch nicht verstehen, sie leben in Deutschland, genießen hier die Freiheiten, genießen hier, was wir noch haben, die Demokratie. – Und dort soll das bekämpft werden – also das Bisschen, was von Demokratie noch übrig ist. Da sollen also die Palästinenser bekämpft werden. Das geht für mich nicht! Ich meine, ich kann nicht hier die ganzen Vorteile einer Demokratie genießen und dort den Palästinensern das vorenthalten. – Da verstehe ich die Juden auch hier nicht und damit schaden sie sich selbst!