Bodo Ramelow

Jetzt habe ich das Gefühl, dass über allem etwas Bleiernes liegt.

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Als Bodo Ramelow am 1. 9. 2013 sagte: „Jetzt habe ich das Gefühl, dass über allem etwas Bleiernes liegt“, war die Bundestagswahl nur noch wenige Wochen entfernt. Ramelow, damals Fraktionsvorsitzender der Partei DIE LINKE im Thüringischen Landtag, beschrieb damit nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein verbreitetes Empfinden: eine Gesellschaft, die sich von Schwere und Erstarrung bedrückt fühlt – und eine Politik, die ihre Entscheidungen immer häufiger als „alternativlos“ ausgibt. Wo Regierende Anspruch auf Unfehlbarkeit erheben, wächst zugleich der Widerstand gegen das Diktat der vermeintlichen Alternativlosigkeit – und mit ihm die Abkehr von den Regierungsparteien. Diese Enttäuschung jedoch blieb nicht folgenlos: Manche suchten Halt in rechtsextremistischen Gruppierungen, andere in der Hoffnung auf eine demokratische, emanzipatorische Alternative.

Vor diesem Hintergrund wollte das Gespräch klären, ob und wie DIE LINKE ein Konzept hat, Enttäuschte für eine progressive Politik zurückzugewinnen – bevor Ressentiments und Radikalisierung die Lücke füllen. Dass Ramelow wenige Monate später als erster Ministerpräsident der LINKEN in einem deutschen Bundesland Geschichte schrieb, verleiht dem Interview zusätzliche Schärfe. Zumal die Bundestagswahl 2013 rechnerisch eine rot-rot-grüne Mehrheit hergab – und dennoch alles anders kam.

Das Interview erschien unter dem Titel „Jetzt habe ich das Gefühl, dass über allem etwas Bleiernes liegt.“

Leseprobe

Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.

HAMCHA: Guten Morgen Herr Ramelow. – Warum sind Sie links?

Bodo Ramelow: Warum bin ich links? – Ich komme aus einer alten, protestantischen, konservativen Familie, da hat das Thema soziale Verantwortung immer eine zentrale Rolle gespielt. Das war die Frage nach der Verantwortung, auch und gerade für andere Menschen oder für gesellschaftliche Entwicklungen. Es gab in unserer Familie immer eine große Affinität, nicht nur um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, sondern sich tatsächlich darum zu kümmern, dass es einem nicht nur individuell gut geht, sondern dass es einem nur gut gehen kann, wenn es anderen drum herum auch gut geht. – Wenn eine Perspektive da ist. Das ist so eine Grundhaltung, die mir von der Wiege an in meinem Leben mitgegeben worden ist. Die Frage der parteipolitischen Zuordnung ist mir viele, viele Jahrzehnte später erst gekommen.

Ich bin Gewerkschafter gewesen, ich bin Betriebsrat, Jugendvertreter-Betriebsrat gewesen, ich war in den 70er Jahren in der Friedensbewegung engagiert. Erst 1999, hier in Thüringen, bin ich Mitglied einer Partei geworden, nämlich damals der PDS. Und der Anlass war, heute ist der 1. September, der Antikriegstag, das Bombardement auf Serbien, die deutsche Beteiligung an einem Militäreinsatz, an einem Kriegseinsatz, was mir schwer unter die Haut gefahren ist. Damals bin ich dann Mitglied der PDS geworden, allerdings mit der Botschaft: „Ich werde Mitglied dieser Partei, um meinen Beitrag zu leisten, sie zu einer gesamtdeutschen Partei zu machen, einer sozialistischen Partei.“ Sozialistisch ist in Deutschland, also in Westdeutschland, immer bedingt durch antikommunistische Grundströmungen und den Kalten Krieg übersetzt worden, mit SED, Mauerbau, STASI, Gulag und anderen Sachen. Meine Vision von einer anderen Gesellschaft ist eben deutlich mehr als eine Reduktion auf Staatskapitalismus à la osteuropäischer Länder.

HAMCHA: Ihre Familie ist, so sagten Sie, protestantisch konservativ. War ihr Weg in das politisch linke Lager vor diesem Hintergrund mit Konflikten verbunden oder wurde er von Ihrer Familie akzeptiert?

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