Gerhard Schneider
Zwangssterilisationen und Patientenmorde – Mainkofen während der NS-Herrschaft.

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Dieses Interview mit Gerhard Schneider, dem ehemaligen kaufmännischen Leiter des Bezirksklinikums Mainkofen, führt zurück in ein Kapitel der Klinikgeschichte, dessen Spuren über Jahrzehnte hinweg bewusst verwischt wurden. Als junger Mitarbeiter stieß Schneider im Keller des Hauses auf umfangreiche Aktenbestände, die kurz davor standen, vernichtet zu werden. In ihnen dokumentierte sich die Beteiligung des Klinikums an Zwangssterilisationen und an der späteren Ermordung von Patientinnen und Patienten während der nationalsozialistischen Herrschaft – ein Wissen, das gezielt aus dem institutionellen Gedächtnis getilgt werden sollte.
Schneiders mutige Entscheidung, diese Akten heimlich zu retten, legte den Grundstein für die spätere Aufarbeitung. Erst viele Jahre später, in leitender Position, konnte er die verdrängte Geschichte öffentlich machen und sichtbar machen, dass keiner der Verantwortlichen jemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Einige wurden sogar freigestellt – bei vollen Bezügen bis zur Pensionierung.
Heute befindet sich auf dem Gelände des Klinikums eine Gedenkstätte für die Opfer. Dass dieser Ort existiert, ist maßgeblich Gerhard Schneiders Beharrlichkeit und moralischem Mut zu verdanken. Das um 2015 geführte Interview beleuchtet seine Recherchen, seine Beweggründe und die Mechanismen des Verschweigens, die so lange wirksam waren.
Leseprobe
Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.
HMV: Nun bewegt mich noch eine Frage, die ich gerne an Sie richten würde. – Die Einweihung der Gedenkstätte hat damals, also 2014, hohe Wellen geschlagen. Damals gab es beispielsweise in Plattling noch eine Straße, die nach Dr. Brettner benannt war, dem Sterilisierungsarzt hier in Mainkofen. Es kam damals, gerade weil die Gedenkstätte eingerichtet wurde und die Diskussion darum entbrannt war, tatsächlich zur Umbenennung dieser Straße. – Wie haben Sie das damals erlebt und wie stehen die Leute, die in dieser Straße leben, heute dazu? – Ich kann mich erinnern, dass es sehr viel Unmut gab.
GERHARD SCHNEIDER: Ja! – Die Sache hat sich im Laufe der Zeit beruhigt. Es hat vier Jahre gedauert, bis die Straße endlich von Dr. Brettner-Straße in Sonnenstraße umbenannt wurde. – Da gab es erheblichen Widerstand seitens der Anwohner, mit der Begründung, jetzt müssten sie die ganzen Adressen ändern, kein Navi würde sie mehr finden usw. – Vier Jahre hat es deswegen gedauert, weil meine ersten Veröffentlichungen angezweifelt wurden. – Klar, der Schneider aus Mainkofen ist kein Historiker, so hieß es, der kann viel behaupten …
Und dann wurde von der Stadt Plattling ein Gutachten in Auftrag gegeben, an den Herrn Skribeleit, den ich persönlich gut kenne, der ist Leiter der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg. Dessen wissenschaftlichen Mitarbeiter haben dieses Gutachten erstellt und daraus ging hervor, dass das tatsächlich so war. – Allerdings steht in dem Gutachten auch, dass er, der Dr. Brettner, nur für etwa 30 Fälle verantwortlich gewesen sei. – Ich dagegen bin bei weit über 300 Fällen – nachweislich!
Interessant ist, nach Rücksprache mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter in Flossenbürg, dass die Autoren der Studie nur die Zahlen vom Erbgesundheitsgericht in Landshut ausgewertet haben! – Das war aber lediglich rund ein Zehntel der Betroffenen! Passau, Deggendorf, diese ganzen Erbgesundheitsgerichtsentscheidungen, waren nicht berücksichtigt worden und daraus hatte sich die große Differenz ergeben. – Die über 30 Sterilisationsopfer haben aber dann doch genügt, dass man die Straße umbenannt hat.
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