Peter Mühlen

Sie erfahren als Erster von meinem Ableben

E-Book: 4,99 €

Am 1.8.2012 war ein Interview mit Peter Mühlen in dessen Haus in Haar bei München geplant, das er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Sissy Engl bewohnte. Am Ende wurde es ein Gespräch, das anders verlief als verabredet: Nach einer schweren Krise in der Nacht zuvor bat Mühlen seine Partnerin, zunächst an seiner Stelle zu antworten—„Sissy weiß so viel über mich, dass sie ein Buch über mich schreiben könnte!“—und gab ihr ein Fotoalbum, das wir gemeinsam durchgehen sollten. Erst nach Stunden trat er selbst hinzu und eröffnete knapp: „Stellen Sie x-beliebige Fragen, und ich bemühe mich, sie zu beantworten.“

Weil ihm eine schwere Krankheit wenige Monate zuvor die Stimme genommen hatte, schrieb Mühlen seine Antworten auf Zettel. Er übergab mir Zeilen, die seine Verzweiflung erahnen ließen, dazu eine schriftliche Vita, ein Werkeverzeichnis und die Erlaubnis, seine akribisch geführte Fotosammlung zu fotografieren—Dokumente eines Menschen, der sein Leben festhielt, als wolle er es dem Vergessen entreißen.

In der deutschen Radiogeschichte ist sein Name untrennbar mit der „Plattenkiste“ verbunden: „Peter Mühlens Plattenkiste“, 1962 bis 1966 wöchentlich im Bayerischen Rundfunk, prägte Hörgewohnheiten und führte viele erstmals systematisch in die populäre Musik ein. Doch Mühlen war weit mehr als Moderator: Er schrieb Manuskripte für Rundfunk, Fernsehen und Theater, war Mitinitiator der Wiederentdeckung von Korngolds Oper „Die tote Stadt“, arbeitete als Discjockey, Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur, Komponist, Kritiker und Showmaster, wirkte in mehr als 200 Theaterstücken mit und war 1984 Mitbegründer und leitender Musikredakteur eines der ersten privaten Hörfunksender Bayerns. Gemeinsam mit Sissy Engl gründete er zudem eine Akademie, an der er Phonetik und Schauspiel unterrichtete—bis die Krankheit im März 2012 seine Stimme verstummen ließ.

Dieses Interview versammelt seine schriftlichen Antworten—und zeichnet das Porträt eines Multitalents, das bis zuletzt um Ausdruck rang.

Das Buchcover zeigt ein Faksimile seines Abschiedsbriefes, den er in der Nacht vor dem Interview für Heinz Michael Vilsmeier verfasst hatte.

Covertext, Brief vom 31. Juli 2012

„Sehr geehrter Herr Vilsmeier!

Anbei eine Vita, schon etwas ramponiert.

Sie erfahren als Erster von meinem Ableben.

Das können Sie gerne der Presse mitteilen!

Sissy weiß so viel über mich, dass Sie ein Buch über mich schreiben könnte.

Fotomaterial im „Plattenschrank“, bergeweise und das Album dazu.

Toi, toi, toi

Ich grüße Sie als unbekannt

Peter Mühlen

P.S. Verzeihen Sie, falls man Vilsmaier (?) anders schreibt!“

Leseprobe

Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.

Peter Mühlen schreibt: Meine Mutter war alleinerziehend und überfordert. Ich war der Jüngste von 7 Kindern von 3 unterschiedlichen Vätern. Es war eine „Weiberwirtschaft“, alle hackten auf dem „Kleinsten“ herum, bis zu ihrem Tod. Manchmal hat sie mich als Zehnjährigen aus nichtigen Gründen, z. B. einem Riss in der Hose, mit einem „spanischen Rohrstock“ so geschlagen, dass ich Wochen nicht sitzen konnte. – Genug! – Als Kind des 2. Weltkriegs war ich zweimal total ausgebombt, zwei Halbbrüder sind 1943 und 1944 in Russland gefallen. Ich könnte jetzt weiter davon erzählen, aber wenn Sie John Steinbecks „Jenseits von Eden“ kennen – im Film mit James Dean und Raymond Massey –, dann ist das nicht notwendig.

HMV: Sie sagen, Ihre Mutter war überfordert. Sie war Schauspielerin, und Sie konnten nicht die ganze Kindheit bei ihr sein.

Peter Mühlen schreibt: Meine Mutter war Volksschauspielerin; damals sagte man Volkssänger oder Komiker. Sie hat mich insgesamt dreimal in ein „Heim“ gesteckt: 1 x in München, 1 x in Grunertshofen bei Augsburg und 1 x ins Gut Karlshof bei Ismaning. …

HMV: … waren das kirchliche Heime, in denen Sie untergebracht wurden?

Peter Mühlen schreibt: Ein kirchliches, Grunertshofen, das war katholisch.

HMV: Sie haben sehr darunter gelitten, dass Sie immer wieder in Heime abgeschoben wurden. Wie haben Sie diese traumatischen Erfahrungen so verkraften können, dass Sie Ihre Talente entwickeln und diese Karriere vollziehen konnten?

Peter Mühlen schreibt: Trotz allem wäre ich lieber zu Hause gewesen, denn anhänglich war ich ja. – Liebebedürftig! Wie in dem Film „Jenseits von Eden“ war mein Antrieb, Liebe zu finden und Anerkennung. Und weil alle künstlerisch tätig waren: Mutter hat kurzzeitig einmal mit Karl Valentin gespielt, angeblich weil Liesl Karlstadt krank (?) war. Meine Mutter war kein Star, also nicht berühmt, obwohl eine Postkarte mit ihrem Bild im Valentin-Museum hängt. Mein Vater wäre wohlhabend gewesen, ein Nachkomme der Asam-Brüder. Aber den habe ich nur einmal im Leben gesehen; da war ich etwa zwei Jahre alt.

HMV: Haben Sie Ihren Vater als Kind sehr vermisst?

Peter Mühlen schreibt: Ja.

HMV: In dem Buch „Persönlichkeiten in München“ gibt es folgenden Eintrag: Mühlen, Peter: Schauspieler, Musikredakteur und Moderator, geb. 4.10.1939 in München. – Ich glaube, Sie sind 1933 geboren: Ist das Geburtsdatum 4.10.1939 korrekt?

Peter Mühlen schreibt: Mein Geburtsdatum ist der 4.10.33, das war bis heute ein Geheimnis. Aber in meinem jetzigen Zustand ist es mir Wurst!

HMV: Warum haben Sie Ihr Geburtsdatum geändert?

Peter Mühlen schreibt: Warum geändert? – Ich sah immer jünger aus. Aus reiner Eitelkeit habe ich mich „verjüngt“!

Weitere Interviews mit Peter Mühlen: