Reiner Braun

Raketen sind Magneten!

Taschenbuch: 7,99 €

Dieses Interview mit Reiner Braun entstand Ende November 2024 beim 31. Kasseler Friedensratschlag. Braun, seit den frühen 1980er‑Jahren eine prägende Stimme der deutschen Friedensbewegung, engagierte sich schon gemeinsam mit Petra Kelly und General Gert Bastian gegen die Stationierung von US‑Mittelstreckenraketen. Seine friedenspolitische Sozialisation, seine jahrzehntelange Arbeit in verschiedenen Organisationen und sein beharrliches Eintreten für Abrüstung prägen bis heute sein Wirken – ebenso wie die Kontroversen, die ihn begleiten.

Im Mittelpunkt des Gesprächs steht seine Analyse der aktuellen sicherheitspolitischen Lage und seine Kritik an der zwischen Olaf Scholz und US‑Präsident Joe Biden vereinbarten Stationierung neuer US‑Raketen in Deutschland. Braun sieht darin eine gefährliche Weichenstellung und ruft zu einer erneuten Mobilisierung der Friedensbewegung auf.

Leseprobe

Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.

Wir müssen uns öffnen.

HMV: Wenn es darum geht, bei diesem Friedensratschlag 2024 hier in Kassel eine friedenspolitische Linie für die Friedensbewegung in Deutschland zu finden, wie würdest du diese Linie beschreiben?

Reiner Braun: Jetzt hat ja der Friedensratschlag mehr den Diskurs als Grundlage und eine Zusammenstellung von Friedensaktivitäten, die es gibt. Von daher will ich mal lieber persönlich sagen, wie ich sehe, was nun die friedenspolitischen Orientierungen sind, von denen ich glaube, dass sie sich morgen widerspiegeln werden. Ich habe es vorhin gesagt, das Erste und für mich Wichtigste, das habe ich schon lange gesagt, ist die Frage Berliner Appell, nämlich eine Unterschriftensammlung, um wirklich zu einer großen Sammlung zu kommen, die dann zu Aktionen gegen die Mittelstreckenwaffen führt.

Wir schlagen vor, Ende März – es kann hier eine Aktionsberatung dazu geben – eine große reguläre Demonstration am Kommando für diese neuen Waffen im Bereich Mainz-Wiesbaden zu machen. Ganz einfach, um in dieser Region die Aufmerksamkeit für die Gefahren, die von diesen Mittelstreckenwaffen – „Raketen sind Magneten!“ – ausgehen, zu wecken. Dies zu thematisieren und zu machen, ist für mich ein ganz entscheidender Punkt für die Friedensbewegung.

Der zweite Punkt ist: Ich gehe davon aus, dass es 2025 zu Annäherungen oder einem Friedensprozess in der Ukraine kommt. Es muss darum gehen, mitzuhelfen, dass so schnell wie möglich zumindest erstmal die Waffen schweigen, also zu helfen, dass es zumindest erstmal zu einem Waffenstillstand kommt und Verhandlungen beginnen. Und dann, dass von unserer Seite für die ukrainische Bevölkerung massive humanitäre Hilfe geleistet wird, denn dieser dritte Kriegswinter geht ans Eingemachte – kein Wasser, keine Heizung mehr, die Infrastruktur zerstört, die Nahrungsmittelproduktion wird zurückgefahren.

HMV: Die Menschen sind verzweifelt.

Reiner Braun: Die Menschen verzweifeln, sind hilflos. Und dann denke ich, dass wir das Gleiche in enger Zusammenarbeit mit den palästinensischen Gruppierungen in Deutschland für Palästina und Libanon machen müssen. Für mich ist dieser erste sogenannte Waffenstillstand eher ein Kriegsunterbrechungszeitraum und nicht mehr. Man merkt ja jetzt schon, dass Israel so weiterverfahren wird wie bisher. Da ist ein großes Feld, wo wir als Friedensbewegung uns weiter in engem Zusammenhang mit den Palästinensern, mit palästinensischen Gruppierungen, für Waffenstillstand und Verhandlungen einsetzen müssen, auch mit Aktionen.

Dann haben wir einen dritten Bereich, der für mich ein bisschen in den Bereich der Delegitimierung fällt, und das ist nach wie vor die NATO. Also ich finde, dass wir die NATO, auch wenn nicht alle das so sehen werden, nicht außen vor lassen dürfen.