Simon David Dressler

Unter Aufsicht – Algorithmische Kontrolle und Selbstzensur

Buchcover Vorderseite Heinz Michael Vilsmeier im Gespräch mit Simon David Dressler Unter Aufsicht - Algorithmische Kontrolle und Selbstzensur

Softcover 14,00 €

In den sozialen Medien entscheidet längst kein klassischer Zensor mehr darüber, was sichtbar wird. Es sind algorithmische Systeme, deren Logik für Nutzer*innen eine Blackbox bleibt und die politische Inhalte häufig zurückstufen – mit der Folge, dass sich Creator aus eigenem Antrieb anpassen. Diese „Zensur“ entsteht im Kopf: Wörter werden ersetzt, Themen umformuliert, Tonlagen geglättet – eine Selbstbeschränkung als Reaktion auf undurchsichtige Regeln und die jederzeit mögliche Sanktion durch die Plattform. Diese Dynamik, die Simon David Dressler präzise beschreibt, steht exemplarisch für das digitale Zeitalter: algorithmische Kontrolle, die Selbstzensur hervorbringt.

Leseprobe

Simon David Dressler: Es gibt auch ein kurioses Phänomen, das heißt „Algospeak“, also „Algorithm-Speak“, wo man gewisse Wörter durch andere Wörter austauscht, weil man von Influencerseite glaubt, dass man dadurch gewisse algorithmische Sperrungen umgeht.

Zum Beispiel auch in Untertiteln. – Man kann bei jedem Video die Untertitel automatisch generieren lassen und die dann anpassen.

Und wenn man zum Beispiel irgendwas mit dem Wort Sex sagt, also sexuelle Irgendwas, dann hat es sich so etabliert, dass man in den Untertiteln nicht S-E-X schreibt, sondern S-E-G-G-S, weil man glaubt, dass man damit quasi die automatische Inhaltserkennung umgeht.

Wenn ich zum Beispiel Videos über Gaza mache, habe ich mir irgendwann angewöhnt, statt Völkermord, Völkerball zu sagen – also in den Untertiteln.

Nicht weil ich weiß, dass es was bringt, sondern weil ich vermute, dass dann die automatischen Inhaltserkennungen für kritische oder sensible Themen nicht anspringen, was wahrscheinlich bescheuert ist, weil das so wahnsinnig fortgeschrittene Algorithmen und KI-gestützte Inhaltserkennungen sind, dass man die damit wahrscheinlich nicht überlisten kann.