Staatsräson als Medienräson
Fabian Goldmann über deutsche Medien und den Genozid in Gaza

Softcover 14,00 €
Was geschieht, wenn Medien sich die Staatsräson zu eigen machen? Im Gespräch mit Fabian Goldmann nähert sich Heinz Michael Vilsmeier einer deutschen Medienlandschaft, die ihre kritische Distanz zur herrschenden Politik verloren hat. Ausgehend von Goldmanns Buch Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza geht es um Sprache, Auslassungen, politische Rahmungen und die Frage, wie palästinensisches Leid in deutschen Leitmedien entwirklicht oder unsichtbar gemacht wird.
Der Text fragt nach den Folgen einer Medienräson, die Staatsräson zur eigenen Perspektive macht — und nach den Möglichkeiten einer Gegenöffentlichkeit, getragen von unabhängigen journalistischen Projekten und einem Journalismus, der wieder gesellschaftliches Korrektiv der Politik sein will.
Leseprobe
Kritischen Stimmen den Mund zumachen
HMV: Mir ist ein Satz, genauer gesagt der Anfang deines gestrigen Vortrags, besonders in Erinnerung geblieben. Du hast auf Arye Sharuz Shalicar verwiesen, der dich als einen der Top-10-Verbreiter von Judenhass in Deutschland geframt hat und gegen dich hetzt. Du hast bei ihm, glaube ich, Platz sechs erreicht. Woran liegt das?
Fabian Goldmann: Na ja, das liegt daran, dass es offenbar fünf Menschen gibt, die sich noch mehr für Frieden und Gerechtigkeit in der Region eingesetzt haben. Aber im Ernst: Die israelische Armee versucht kritische Berichterstattung mit allen möglichen Mitteln zu verhindern. Das bekommen vor allem die Medienschaffenden in Gaza und im Libanon zu spüren, von denen Israels Armee in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits über 260 getötet hat.
Aber die israelische Armee und ihre Vertreter diffamieren eben auch Journalisten in Deutschland, die aus ihrer Sicht zu kritisch berichten. Das trifft alle möglichen Medienschaffenden; man muss dafür gar nicht besonders kritisch gegenüber der israelischen Regierung sein. Auch Korrespondentinnen der Tagesschau geraten immer wieder in deren Visier.
Was mich an dieser Geschichte vor allem immer empört, ist, wie wenig Empörung oder Kritik es daran innerhalb der deutschen Medienlandschaft, innerhalb der deutschen Gesellschaft, der Politik und der Behörden gibt.
Arye Sharuz Shalicar, also der deutschsprachige Sprecher der israelischen Armee, ist nach wie vor gern gesehener Gast in Politik, Behörden und Medien. Er wird regelmäßig als Experte interviewt oder auch als Betroffener – und zugleich als Vertreter der israelischen Armee.
Der Fall zeigt für mich einerseits, welchen Anfeindungen Journalisten in Deutschland und vor allem auch in Gaza und im Libanon ausgesetzt sind. Andererseits zeigt er, wie wenig Interesse es an diesen Anfeindungen in unserer Gesellschaft gibt.
HMV: Wie erklärst du dir dieses mangelnde Interesse? Fabian Goldmann: Dafür gibt es viele Gründe. Viele Journalisten, die sich nicht mit Betroffenen solidarisieren, und viele Medien, die solche Angriffe nicht skandalisieren, sind häufig selbst von Angst getrieben: Angst davor, selbst in die Schusslinie der israelischen Botschaft oder des israelischen Armeesprechers zu geraten; Angst davor, öffentlich durch Politiker oder auch durch die Bild-Zeitung diffamiert und als Islamist oder Antisemit markiert zu werden.
Es gibt auch eine Art Herdentrieb. Viele Journalisten schwimmen mit der Masse. Und weil sich diese Art des Umgangs, diese völlig unkritische oder oft sehr solidarische Berichterstattung entlang der Narrative und Angaben der israelischen Regierung, schon so lange etabliert hat, fällt es Einzelnen noch schwerer, daraus auszubrechen.
Hinzu kommt in vielen Redaktionen die Angst vor Jobverlust – Journalismus ist ja häufig ein prekäres Geschäft –, aber auch die Angst vor staatlichen Behörden. Aktuell gibt es den Fall Hüseyin Doğru, eines deutschen Journalisten, der wegen seiner Berichterstattung auf der EU-Sanktionsliste gelandet ist. Auch das hat eine abschreckende Wirkung auf viele andere.
Angst ist also ein großer Faktor. In den Redaktionen sitzen auch viele Überzeugungstäter, die von sich aus aufseiten der israelischen Regierung und der israelischen Armee stehen. Das zeigt sich auch daran, dass viele Medienschaffende selbst Stimmung gegen ihre Kollegen machen: in Gaza, wo Journalisten und Fotografen pauschal als Terroristen bezeichnet werden – auch ohne irgendeinen Beleg – und dadurch dazu beigetragen wird, dass sie ermordet werden; aber auch hier, indem Journalisten in Deutschland diffamiert werden.
Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza
von Fabian Goldmann

Weitere Sprachversionen von „Staatsräson als Medienräson“
- English Version (in preparation)
- Version française (en préparation)
- Edición española (en preparación)
- Türkçe sürüm (hazırlık aşamasında)
