Peter H. E. Gogolin
Gogolin ist es, der hier spricht

Softcover 20,00 €
Dieses Gespräch mit Peter H. E. Gogolin führt tief hinein in die Entstehung und Bedeutung seines Werkes Die unerzählbare Geschichte. In diesem Buch setzt sich der Schriftsteller auf vielschichtige und sehr persönliche Weise mit familiären Erfahrungen auseinander, die sein Schreiben über mehr als sechs Jahrzehnte geprägt haben. Im Interview geht es um die Beweggründe hinter dieser Auseinandersetzung, um das, was ausgesprochen werden kann, und um das, was im Verborgenen bleibt. Gogolin selbst versteht das Gespräch als eine Art Begleitbuch zu seinem „Mutterbuch“ – eine Einladung, die Hintergründe, Brüche und inneren Linien seines literarischen Lebenswerks besser zu verstehen.
Leseprobe
Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.
Ich schreibe, weil ich die Welt nicht verstehe
HMV: Deine Schriften kreisen um dieses Thema, die Frage nach der Identität. – Kann man das so sagen?
Peter Gogolin: Ja, in verschiedenen Varianten und mit verschiedenen Schwerpunkten. Ja.
HMV: Geht es dabei um Deine Identität?
Peter Gogolin: Nein, um …
HMV: … Identitäten?
Peter Gogolin: … um Identität überhaupt. Ich erinnere mich, dass ich, als ich meinen ersten Roman geschrieben hatte, und im, damals wohnte ich in Hamburg, Hamburger Literaturzentrum meine allererste Lesung aus dem Roman hatte, am Ende gefragt worden bin, warum ich eigentlich schreibe. Und ich habe damals, ich hatte mit dieser Frage nicht gerechnet und mir auf diese Weise auch nie Gedanken gemacht, spontan darauf geantwortet: Ich schreibe, weil ich die Welt nicht verstehe. – Meine Bücher sind Versuche im Verstehen. Im Verstehen des Lebens, im Verstehen der Zusammenhänge, der Bedeutung von Lebensweisen, von Charakteren. Eigentlich mache ich Untersuchungen über Personen und ihre Art, das Leben zu nehmen. Ich versuche zu verstehen, wie es kommen kann, dass jemand so ist oder so wird und so handelt.
Dabei geraten mir als Interessantestes meistens die bösen Buben in den Blick, weil die interessanter sind als die Leute, die irgendwie zufällig ein durchschnittliches, normales, glückliches oder wie auch immer Leben haben.
HMV: Oder die Opfer.
Peter Gogolin: Oder die Opfer. – Hauptsächlich, ja. – Aber ist nicht jeder irgendwo ein Opfer?
HMV: Die bösen Buben sind ja die Täter.
Peter Gogolin: Ja – natürlich.
HMV: Und Deine Mutter? Ist sie Opfer, ist sie Täterin? Ist sie gut, ist sie böse?
Peter Gogolin: Alles! – Meine Mutter war als Kind sicherlich ein Opfer. Sie war ein sehr intelligentes Kind. Ich glaube, sie hatte eine sehr starke Begabung für Mathematik, die sie mir vererbt hat. Und sie ist dann durch ein Leben gegangen, das sie zum Teil sehr verbittert hat, sehr depressiv gemacht hat, und in späteren Jahren auch sehr berechnend. Ich weiß nicht, wann das angefangen hat. Sie hat irgendwann angefangen zu manipulieren. Sie hat ihr Leiden gewissermaßen benutzt, um damit Macht auszuüben – in dem engen Kreis ihrer Familie.
HMV: Auch in Bezug auf Dich?
Peter Gogolin: Natürlich. Ich war sicherlich ihr erstes und gelungenstes Opfer.
HMV: Ergiebig?
Peter Gogolin: Ziemlich ergiebig, ja.
