Gulîstan Zara Qoçgiri

Leben in der geopolitischen Hölle

Ein Interview mit der kurdischen Feministin, Friedensaktivistin und Unternehmerin Gül Tolay alias Gulîstan Zara Qoçgiri, die sich für Gerechtigkeit und insbesondere die Rechte von Kurdinnen kämpft.

Softcover 20,00 €

Dieses Interview führt in das außergewöhnliche Leben von Gulîstan Zara Qoçgiri, die heute unter ihrem bürgerlichen Namen Gül Tolay als Unternehmerin, Feministin und kurdische Aktivistin in München wirkt. Als Kind kurdischer Migranten erlebte sie in Istanbul eine von Entbehrungen, Ausgrenzung und politischer Repression geprägte Kindheit, bevor sie nach Deutschland kam und sich dort ein neues Leben aufbaute.

Das Gespräch spannt den Bogen zwischen dem zurückgelassenen Mädchen an der Seite seiner geliebten Großmutter und der selbstbewussten Frau, die heute für Gerechtigkeit und die Rechte von Kurdinnen und Kurden eintritt. Es erzählt von Brüchen und Neuanfängen, von Schmerz und Widerstandskraft, und davon, wie aus Gulîstan Zara Qoçgiri die Aktivistin und Unternehmerin Gül Tolay wurde. Wer verstehen möchte, welche persönlichen Erfahrungen hinter ihrem Engagement stehen, findet in diesem Interview einen eindrucksvollen Einblick.

Leseprobe

Der folgende Auszug stammt aus dem vollständigen Interview, das in der Publikation erschienen ist.

„Gebt denen keinen deutschen Pass!“

HMV: Wart ihr selbst von der Repression betroffen?

Gül Tolay: Ja, das waren wir.

HMV: Öfter?

Gül Tolay: Also, ein paar Mal waren sie schon da. – Ich weiß es nicht mehr so genau – zehn Mal vielleicht? – Vielleicht auch mehr. Vielleicht habe ich auch viel verdrängt, aber sie waren schon da. – Die Präsenz war schon gruselig. – Aber das Ganze hat mich und bestimmt auch meinen Partner sehr stark gemacht! – Es hat uns mehr gestärkt als geschwächt!

HMV: Hat es euch Angst gemacht?

Gül Tolay: Äh … – Angst in dem Sinne … – Na ja, sagen wir mal so: Diese Angst hat einen unglaublichen Mut in mir geboren. Diese Angst, die ich hatte … Ja, da waren Hundertschaften von Polizisten bei uns. Die standen bei uns vor der Tür. – Wir wohnen in einer wunderschönen Anlage, wirklich sehr schön im Münchner Norden. – Die Nachbarn haben dann auch gefragt … Und wenn sie gefragt haben, habe ich sie aufgeklärt und ihnen gesagt: „Das macht dein Staat, diese Repressionen! Wir sind Kurden und …“ – Da war natürlich schon Angst, ja, ich hatte natürlich Angst! – Du kennst dein Gegenüber nicht, du weißt nicht, wozu sie fähig sein werden. – Immerhin stehst du einem mächtigen Staat gegenüber!

Du denkst an deine Familie, an deine neugeborene Tochter, die ganz süß und niedlich in ihrem Kinderbett schläft, und dann fragst du dich: War das nötig? Was soll das Ganze?

Aber trotzdem waren in mir diese Rebellin, dieser Stolz und die Entschlossenheit: Ich ergebe mich nicht und ich beuge mich nicht!

HMV: Mhm.

Gül Tolay: Diese Repression hat mich noch mehr darin bestärkt, das zu tun, was ich ohnehin getan habe und was ich noch tun werde – den deutschen Pass bekomme ich sowieso nicht.

Wenn ich bedenke, da gibt es welche, die Kinder vergewaltigen, Frauen tagtäglich töten, so viel Schreckliches machen, und sie kommen raus und kriegen alles! Oder die IS-Familien, die werden resozialisiert auf unsere Kosten. Und ich, politische Frau und Mutter, möchte nur ein bisschen Frieden, möchte nur etwas Anerkennung, werde kriminalisiert. Wir zahlen gute Steuern, wir haben keine Steuerrückstände – aber dennoch kriegen wir den deutschen Pass nicht. Ist das nicht paradox?

Wahrscheinlich ist irgendwo ein rotes X auf unserer Akte, egal wohin wir gehen: „Gebt denen keinen deutschen Pass!“

Wir leben in einem ungerechten Weltsystem. Das kapitalistische System ist gnadenlos, besitzt keinerlei Gewissen und ist immer auf Ausbeutung bedacht.

Kleine Kinder werden tagtäglich von irgendwelchen Pädophilen vergewaltigt, Femizide werden begangen, IS-Anhänger werden von deutschen Gerichten nicht verurteilt – dabei haben sie Tausende von jesidischen Menschen getötet. Sie sind für diese und andere Gräueltaten sowie Schreckenstaten in Kurdistan und anderen Kriegsgebieten verantwortlich, werden aber nicht zur Rechenschaft gezogen!